Spiegel Print-Archiv bald kostenlos im Netz

Montag, 17. Dezember 2007

Nach einer Meldung von Spiegel Online vom 17.12. ist der Spiegel Verlag mit Bertelsmann ein Joint-Venture eingegangen. Die Lexika von Bertelsmann sollen mit Content vom Spiegel ergänzt und unter einer Plattform namens wissen.spiegel.de zusammengeführt werden. Das reißt einen in Kenntnis der Bertelsmannschen Erzeugnisse und des aktuellen Zustands der Spiegel-Printausgabe nicht gerade vom Stuhl, jedoch steht das Interessante etwas weiter unten im Text:

Das bedeutet, dass alle SPIEGEL-Artikel seit der Gründung des Blattes im Jahr 1947 und die Artikel von SPIEGEL ONLINE nunmehr kostenlos online abrufbar sein werden. Nur die jeweils aktuelle Ausgabe bleibt kostenpflichtig.

Womit man Druck auf die Konkurrenz ausübt, die bis jetzt noch keinen Weg gefunden hat, ihren „Premium-Content“ gewinnbringend im Netz zu vermarkten. Heise.de liegt bei der Kommentierung nicht ganz daneben, wenn dieser Schritt mit dem neuen Geschäftsmodell der New York Times verglichen wird, die ihr Archiv als auch die aktuelle Ausgabe nunmehr kostenfrei ins Netz stellt und sich dadurch entsprechende Einnahmen aus Werbung zur Refinanzierung erhofft. Beim Spiegel ist dieser Schritt nur konsequent: Wenn sich Einnahmen aus dem Onlineverkauf einzelner Artikel (gerüchtweise…) nur knapp über der Nachweisgrenze bewegen, könnte wenigstens die Freigabe des Archivs relevante Umsätze generieren.

Darüberhinaus erhält man einen nicht gering zu schätzenden Prestigegewinn, wie das Beispiel von Springers Welt zeigt. Niemand würde die Print-Ausgabe der Welt freiwillig kaufen oder zur Kenntnis nehmen, stünde nicht ein nicht unerheblicher Teil der Tagesausgabe im Netz (was sich seit dem letzten Relaunch allerdings wieder relativiert hat). Man darf gespannt sein, wie die Konkurrenz reagiert – damit ist nicht der Focus oder ähnliche Schmonzetten gemeint.

New York Times wieder kostenlos im Netz

Mittwoch, 19. September 2007

Der Webauftritt der New York Times ist wieder kostenlos (komplett) im Netz. Die meisten Inhalte waren auch vorher schon frei erhältlich, lediglich Kolumnen und bestimmte Artikel waren für Abonnenten (Timesselect) für rund 8 USD zugänglich. Immerhin fanden sich für das kostenpflichtige schmale Angebot 227.000 Abonnenten, die einen Umsatz von 10 Mill. USD generierten. Wirtschaftlich war das jedoch vernachlässigbar, sodaß man zuletzt die meisten Zugangsberechtigungen verschenkte – die zahlenden Abonnenten der Printausgabe hatten auch immer den Zugang zum kostenpflichtigen Onlineangebot.

Interessant ist der Hauptgrund, das Angebot wieder komplett freizugeben. So hätte eine Analyse ergeben, daß die meisten Leser nicht direkt die NYT ansteuerten, sondern über Suchmaschinen und andere Links kamen. Nicht die Existenz der Zeitung ansich zieht Leser an, sondern der freigegebene Content, der auch bei den Suchmaschinen indexiert ist – was wiederum die Zahl der Anzeigenkunden steigen läßt und mehr Einnahmen beschert. Dementsprechend stellt man jetzt nicht nur die aktuelle Zeitung vollständig ins Web, sondern verlinkt auch in das umfangreiche Archiv, das suchmaschinenoptimiert aufbereitet worden ist. Was wiederum die Besucherzahl stark steigen läßt, Google bekommt Millionen neue (optimierte) Seiten und die Werbeeinnahmen (so hofft man) würden sich verdoppeln. Ähnliches soll derzeit Murdoch mit dem Wall Street Journal planen. Kostenpflichtig wird nur eine (zukünftige) Version werden, die mit einer speziellen Software zu lesen ist, dafür aber auch spezielle Features bieten wird.

„In den vergangen zwei Jahren habe sich das Web verändert, argumentiert Nytimes.com-Geschäftsfürherin Schiller im eigenen Blatt: „Wir haben nicht das rasante Wachstum der von Google, Yahoo und einigen anderen kommenden Besuchern erwartet.“ Inzwischen würde die Mehrheit der Leser über Links kommen, nur eine Minderheit nutze Nytimes.com als Primärquelle.“(Spiegel Online)

Überflüssig zu erwähnen, daß die deutschen Verlage hier meilenweit hinterherhinken. Statt Inhalte ins Netz zu stellen, begnügt man sich mit uninteressanten Wallawalla-Artikeln aus dem Bereich Vermischtes – die taz und Die Welt ausgenommen – wobei Die Welt nach dem letzten verkorksten Relaunch Übernahmen aus der Printausgabe stark eingeschränkt hat. Abschreckendstes Beispiel ist immer noch der Onlineauftritt der Süddeutschen Zeitung: Hier werden jede Menge Euros mit zweitklassigem Content versenkt – und über Suchmaschinen dürften eher wenige den Weg zur SZ finden: Wo nichts ist, kann auch nichts gesucht/gefunden werden (s.o.). Zwar gibt’s die SZ auch als Bezahlversion im Netz, jedoch hat sich hier nicht nur im Preismodell schwer vertan, sondern auch noch ein System eingekauft, daß das Originallayout liefert, was der schnellen Übersicht zuwiderläuft, benutzerunfreundlich ist und zudem einen gigantischen Overhead erzeugt – ähnlich dem System der Neuen Zürcher. Daß es auch anders geht, zeigt u.a. die Bezahlversion der FAZ, die weiterhin auf HTML setzt.

[Update] Unter dem Titel „Sparen, bis die Leser gehen?“ schreibt Götz Hamann in der Zeit zum Thema Zukunft von Zeitungen und übertriebenen Renditeerwartungen der Verleger (darunter neuerdings einigen Heuschrecken) sowie strategischen Fehlern der Printmedien angesichts der Konkurrenz von Online-Angeboten. Einige Plattformen wie Spiegel Online werfen ja inzwischen recht ordentlich Gewinn ab, nur hatte hier der Verlag auch kräftig dafür investiert und einen langen Atem bewiesen – auch gegen diverse Widerstände beim (Print-)Spiegel selbst. Hamann schreibt:

Die Ausgangslage für Verlage, um sich im Überfluss des digitalen Informationszeitalters durchzusetzen, ist nicht schlecht. Längst dominieren die Onlineangebote von Zeitungen, Magazinen wie dem Spiegel und Fernsehsendern das Nachrichtengeschehen im Internet. Wer sich dort informieren will, sucht die alten Marken. Doch nur sehr wenige Verlagsmanager wissen, wie sie auf die Nachfrage antworten sollen. Dies ist der dritte Schritt zur Selbstzerstörung.

Mehr ebd.