Berliner Industriedenkmale: Straßenbahn-Betriebshof V in Tempelhof

Freitag, 31. Januar 2020

Was heute im Erdgeschoß einen Edeka-Laden beherbergt und von außen aussieht wie einer der gehobeneren BSR-Betriebshöfe, entstand 1923 eigentlich als „Betriebshof V“ der Berliner Straßenbahn in der Friedrich-Willhelm-Straße. An diesem Ort war es bereits der dritte Bau mit dieser Zweckbestimmung: 1875 entstand die erste Halle für die Pferde-Eisenbahn vom Dönhoffplatz (Berlin) nach Tempelhof, 1888 wurden dort 204 Pferde und 42 Straßenbahnwagen untergebracht. Nach einem Brand 1898, der die erste Halle zerstörte, entstand ein zweiter Bau, der bereits die Erfordernisse der elektrischen Straßenbahn berücksichtigte.

Nach der Fusion der Straßenbahngesellschaften Anfang der 1920er Jahre begann man mit dem Bau neuer Betriebshöfe und dem Aus- und Umbau bestehender Hallen. So wurde 1923 der zweite Bau des Betriebshofs abgerissen und mit einem Neubau der Architekt Jean Krämer betraut – neben Mies van der Rohe und Walter Gropius ein Schüler des Architekten Peter Behrens, der als Vorreiter der sachlichen Architektur und des Industriedesigns gilt. Krämer entwarf in den 1920er Jahren neben diversen Industrie- und Wohngebäuden u.a. zahlreiche Berliner Straßenbahn-Betriebshöfe und wurde deshalb häufig als „Hausarchitekt der Berliner Straßenbahn“ bezeichnet. Er gestaltete auch 1924 den bekannten Verkehrsturm am Pots­damer Platz, dessen Vorbild die Ampeltürme in den USA war.

Für die Berliner Straßenbahn entwarf das Büro Krämer ein Konstrukt aus stützfreien Hallen mit gewaltigen, vollwandigen Stahlbindern.

Strassenbahndepot

An den Längsseiten setzte man verglaste Dachgauben zur Belichtung ein, die sich an den Stahlbögen kielbogenartig nach oben wölben, damit das Licht von allen Seiten einfallen kann. In den schmalen Seitenschiffen wurden Werkstätten untergebracht, die Haupthalle beschreibt einen spitz zulaufenden Tudorbogen. Die Rückseite der Halle ist in die Miethausbebauung der Friedrich-Willhelm-Straße in­te­griert. Die Halle mit 16 Ein­gangs­toren bot Platz für die Reparatur, Reinigung und Wartung von bis zu 100 Straßen­bahn­fahrzeugen. Da auch Teile des ehemaligen Vorhofes für den Bau genutzt wurde, fanden Rangierarbeiten aus Platzgründen auf der Straße statt.

Mit der Stillegung der Linien nach Mariendorf und Lichterfelde im Jahr 1961 wurde der Betriebshof von der BVG geschlossen und bis Mitte der 1990er Jahre für die eigene Fahrbereitschaft genutzt. Der an der Kaiserin-Augusta-Straße ge­legene Vorhof wurde 1972 bebaut, 1995 der ge­sam­te Bau unter Denkmalschutz gestellt, 1997/98 in eine Markt­halle umgebaut und ein Parkdeck eingezogen.

Strassenbahndepot

Die mächtige Stahlkonstruktion des Daches kann man heute ausgiebig vom Parkdeck aus betrachten.

Strassenbahndepot Pfeiler

Beim Ausgang zur Edeka-Markthalle sieht man die Verankerung eines der Stahlträger. Vgl. auch den Eintrag in der Denkmaldatenbank des Landesdenkmalamts Berlin.

Die Berliner Rechenmaschinenfabrik Ludwig Spitz & Co

Donnerstag, 07. November 2019

Im Kreuzberger „Puttkamerhof“ in der Puttkamerstraße gründeten der Ingenieur Ludwig Spitz und der Techniker Robert Rein 1907 die Ludwig Spitz & Co. zur Produktion und zum Vertrieb von mechanischen Rechenmaschinen. Die TIM- (Time Is Money) und UNITAS-Maschinen waren zunächst sehr erfolgreich, man gründete noch vor dem Ersten Weltkrieg Vertriebsfilialen in New York, Wien und Paris.

Spitz ging 1910 in seine Vaterstadt Wien zurück und gründete dort eine Handelsgesellschaft mit Alleinvertriebs-Vertrag für die Berliner Firma: Von Wien aus wurde der Verkauf der gesamten Berliner Produktion von Spitz & Co. organisiert. In den ersten sieben Jahren konnte man 6000 Maschinen verkaufen und erzielte einen Umsatz von mehreren Millionen Mark. 1924 bezog man eigene Fabrikräume in der Schöneberger Eresburgstraße gegenüber der Schultheiss-Mälzerei.

Ludwig Spitz Fabrikgebaeude

Während die Konkurrenz stark aufgeholt hatte und auf kleine, leichte Rechenmaschinen setzte, stagnierte die technische Entwicklung bei Spitz & Co, und für die Serienfertigung neuer innovativer Geräte fand man wohl keine Geldgeber.[1]

Jedoch waren die Geräte offenbar so fortschrittlich, daß sie sich zunächst noch – technisch weitgehend unverändert – einige Jahre lang verkaufen ließen. So produzierte man bis Anfang der 1930er Jahre weiter technisch robuste, aber nicht mehr ganz moderne Geräte. Danach folgte eine zeitweise Stilllegung, ab 1934 auch die Vermietung der Produktionsräume.

Nach dem „Anschluß“ Österreichs wurden auch dort die „Nürnberger Rassengesetze“ und deren Fortführungen angewendet. Und ab hier wird die Geschichte lückenhaft und die Quellenlage dünn, man ist auf Indizien angewiesen.[2] Der jüdische Inhaber Spitz wurde 1939 wahrscheinlich genötigt, sich von seiner Frau zwangsscheiden zu lassen. Seine Wiener Firma annoncierte nun unter dem Namen „Ludwig Spitz & Co, Nachfolger“, was auf einen größeren Umbau hindeutet. Weitgehend verarmt, wurde Spitz 1942 ins Ghetto Riga deportiert. Dort verliert sich die Spur. 1949 wurde er von seiner Frau für tot erklärt.

Unter neuen Eigentümern verschwand 1942 der Name Ludwig Spitz bei der Berliner Firma endgültig. Wer die neuen Eigentümer waren, ist nicht klar. Das Unternehmen firmierte nun unter dem Namen „TIM-UNITAS Gesellschaft“ und betrieb Metallverarbeitung, daneben vermietete man wieder Produktionsräume. Mit dem Konkursverfahren 1982 fand die Unternehmensgeschichte schliesslich ihr Ende. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz und wird heute von diversen Gewerben genutzt.

Wer sich näher für die Firmengeschichte und vor allem die Rechenmaschinen von Spitz & Co. interessiert, wird in den beiden Quellennachweisen fündig, beide Artikel stehen zum privaten Gebrauch auf rechnerlexikon.de als PDF online, URL siehe BibTeX-Eintrag.

[1] Anthes, E., & Reese, M.. (2015). Die Firma Ludwig Spitz & Co Berlin. Historische Bürowelt(100), 3-14.
[Bibtex]
@Article{anthes2015,
author = {Erhard Anthes and Martin Reese},
title = {Die Firma Ludwig Spitz \& Co Berlin},
journal = {Historische Bürowelt},
year = {2015},
number = {100},
pages = {3-14},
url = {http://www.rechnerlexikon.de/artikel/Anthes/Reese_2015},
}
[2] Reese, M., & Waldbauer, H.. (2018). Ludwig Spitz. Historische Bürowelt(114), 18-20.
[Bibtex]
@Article{reese2018,
author = {Martin Reese and Helmut Waldbauer},
title = {Ludwig Spitz},
journal = {Historische Bürowelt},
year = {2018},
number = {114},
pages = {18-20},
url = {http://www.rechnerlexikon.de/artikel/Reese/Waldbauer_2018},
}

Schultheiss-Mälzerei und Hauptstadt-Rotbarsch

Donnerstag, 07. November 2019

„Darren“ nennt man die riesigen Schlote aus Beton auf dem Dach einer Mälzerei, einer Anlage zur Herstellung von Malz für Brauereien. Im Bild ist die ehemalige Schulheiss-Mälzerei in Berlin-Schöneberg in der Bessemerstraße. 1913-15 in der damals für Brauereien typischen massiven Ziegelbauweise errichtet, war der burgähnliche Komplex einst die größte Anlage zur industriellen Massenproduktion von Malz in Europa.

Eine Art Erkennungsmarke für das Schöneberger Industriegebiet (nahe Ikea) sind die vier Darrschlote auf dem Dach der Mälzerei, die der Trocknung des Malzes dienten. An der Spitze befinden sich jeweils zwei Tonnen schwere Darrhauben mit Windblechen, die an alte Ritterhelme erinnern – eine Konstruktion, die um 1900 von der Kulmbacher Schlosserei Dörnhöfer entwickelt wurde und bis in die 1950er Jahre weltweit viele Mälzereien säumte. Die Hauben richten sich je nach Windrichtung eigenständig aus und sorgen so für einen ständigen Luftzug im Inneren des Gebäudes.

Die Schulheiss-Mälzerei war noch bis Mitte der 1990er Jahre in Betrieb. Bis heute ist die Fabrik weitgehend im Originalzustand erhalten.

Etwas schwierig war die Umnutzung dieses großen Fabrikgebäudes. Seit 2008 liegt das Geschäftsmodell eines schweizer Investors in der Ansiedlung von Firmen mit dem Schwerpunkt nachhaltigen Wirtschaftens. So kommt es, daß der „Hauptstadt-Rotbarsch“ von einer Fischfarm im hinteren Teil des Geländes stammt. In einem Kreislauf düngen die Ausscheidungen der Fische das weiter vorn in Treibhäusern gezogene „Hauptstadt-Basilikum“ und machen den Einsatz von Dünger überflüssig. Die Fischfarm mit angeschlossener Pflanzenproduktion ist die Referenzanlage eines Projekts aus dem Bereich Aquaponik, das die Kreisläufe aus der Fisch- und Pflanzenproduktion miteinander verbindet. Herz der Anlage ist eine ausgefeilte Regeltechnik, die beide Kreisläufe verbindet und steuert. Regelmässig werden auch Führungen durch die Anlage veranstaltet, das Projekt freut sich sehr über Interessenten.

Das Gelände der Mälzerei selbst ist werktags frei begehbar.

Südgelände Berlin-Schöneberg

Dienstag, 27. August 2019

Wer in Berlin mal für ein paar Stunden Ruhe haben will, dem sei das Südgelände in Schöneberg empfohlen. Erreichbar über die S-Bahn-Station Südende im Norden des Parks oder Priesterweg im Süden. Kostet 1€ Eintritt, die Jahreskarte berechtigt auch zum Besuch der übrigen von Grün.Berlin betreuten Parks, etwa der Britzer Gärten, dem ehemaligen BUGA-Gelände.

Überwucherte Schienen

Das Südgelände ist der aufgegebene Güterverschiebebahnhof Tempelhof, ein riesiges Gelände, das jetzt Naturschutzpark ist und inzwischen von Bäumen und sonstigen Pflanzen überwuchert wird.

Dampflok

Schienen, die ins Nichts führen, Rudimente verwitterter alter Technik, eine ausrangierte Dampflok, Lok-Drehscheibe, der große Wasserturm und ein Cafe am Ende der Strecke. Und Ruhe.

Wasserstutzen