Partikularinteressen

Mittwoch, 14. November 2007

Im Feuilleton der Frankfurter Rundschau macht sich Peter Michalzik Gedanken zum Streik der Lokführergewerkschaft GDL. Angesichts der penetrant wiederholten Argumente (die eigentlich die Argumente des Arbeitgebers Bahn sind), der Streik würde die Volkswirtschaft schädigen, diene reinen Partikularinteressen und die GDL solle mehr Verantwortung für „das große Ganze“ übernehmen, fragt er sich zu recht: Was ist denn nun das große Ganze eigentlich?

Was dieses Allgemeinwohl ist, ist den führenden Vertretern aus Politik und Wirtschaft erstaunlich klar: Es besteht in einer funktionierenden Wirtschaft, einer optimalen Ausnutzung der Wertschöpfungskette, dem, was das Wort Standort bezeichnet, wenn von Deutschland die Rede ist. „Allgemeinwohl“, das appelliert an die unausgesprochene Prämisse, dass uns niemand dabei stören soll, wenn wir möglichst wohlhabend sein wollen.

Wobei sich „uns“ und „wohlhabend“ auch auf die von den Sozialdemokraten verbreitete Mär bezieht, die Geldakkumulation diene allen und die Wertschöpfungskette (s.o.) dürfe daher nicht gestört werden. Die Partikularinteressen von Managern wurden jahrelang als „das Gemeinwohl“ ausgegeben. Daß diese Ideologie nicht mehr verfängt, zeigt sich auch daran, daß die Mehrheit der Bevölkerung (noch) hinter der GDL und nicht dem Verbund aus Bahn, Transnet/ÖTV und Politapparatschiks steht. Bemerkenswerterweise hält sich selbst die Bild-Zeitung auffallend zurück.

Die großen Gewerkschaftsverbände (das sind die Damen und Herren, die Tarifverträge im Niedriglohnbereich aushandeln und anschließend Skandal! rufen, wenn Friseusen 3,50 in der Stunde bekommen) sind zwar zunächst nur indirekt betroffen, stellen aber selbst einen Teil des Problems dar. Wie der Lokführerstreik zeigt, ist eine Diskussion über Rolle, Funktion und Selbstverständnis der Gewerkschaften überfällig.