Von Chefs und Grauen Klöstern

Mittwoch, 05. Dezember 2007

Zur Begrüßung der Elternschaft bei der Einschulung ihrer Sprößlinge in der 5. Klasse eines Hannoveraner Gymnasiums im Jahre 1968 verkündete der stellvertretende Direktor: Er sei zwar dagegen, daß nun jeder aufs Gymnasium dürfe, sei aber andererseits der Meinung, auch Fliesenleger verdienten ihr Geld. Das Bildungsbürgertum war nicht mehr unter sich, der Pöbel hielt Einmarsch in die Tellkampfschule. So hätte besagter Herr xxx das gesehen.

Im Jahre 2007 geht es etwas subtiler zu. Über die letzten Bastionen der Pfeffersäcke hat Jürgen Kaube in der FAZ vom 5.12. eine schöne Anekdote vermerkt:

In Berlin ist es kürzlich zu dieser kleinen Szene gekommen: Ein Lehrer des altsprachlichen Goethe-Gymnasiums hatte es als Zweitkorrektor mit Abiturarbeiten am „Evangelischen Gymnasium zum Grauen Kloster“, einer Vorzeigeschule mit Eliteanspruch, zu tun. Dabei fiel ihm die dortige Zensurenvergabe auf, und er sprach seinen Kollegen darauf an. Am Goethe-Gymnasium werde im selben Fach strenger benotet. Da wurde der Ton des Klosterlehrers scharf, und es fiel ein denkwürdiger Satz: „Die Eltern unserer Schüler hier sind die Chefs der Eltern Ihrer Schüler, und das soll auch so bleiben.“

Wobei der Begriff „Elite“ sich weniger auf die Leistungsansprüche und pädagogischen Konzepte einer solchen Institution als auf die soziale Herkunft der Schüler bezieht. Nicht auf das Vermitteln von Wissen und sozialer Kompetenz bezieht sich Elite hier, sondern auf ein Umfeld, das sich bewußt von anderen abgrenzt. Daß Schüler nach dem Besuch dieser „Elite“-Anstalt bessere (fachliche!) Voraussetzungen hätten, ist ebenso ein Märchen wie die Legende, in Waldorfschulen würde auf die individuelle Entwicklung der Kinder mehr Wert gelegt als anderswo – ein reiner Mythos, der eher der Selbstberuhigung der Eltern dient.

Was bleibt ist die Teilnahme an einem vermeintlichen Karrierenetzwerk, das es rechtzeitig zu knüpfen gilt und die Einübung diesbezüglicher Verhaltensmuster. Wobei wir wieder bei den Pfeffersäcken sind, die unter sich bleiben wollen. Daß das „Graue Kloster“ dabei, um es freundlich auszudrücken, nicht gerade durch „Reformpädagogik“ auffällt, paßt ins Bild.

Keine Chance für Doofe

Dienstag, 21. August 2007

Nachdem die deutschen Hochschulen vor lauter „Exzellenz“-Wettbewerben, Exzellenz-Clustern, Modulen und „Elite“-Geschwätz (oder was sie dafür halten) nicht mehr laufen können, setzt man nun konsequenterweise auf einen „Wettkampf“ um die „besten“ Studenten. Denn zum tollen Exzellenz-Cluster paßt ja nur ein „Spitzenstudent“. Während man inzwischen selbst für Wallawalla-Studiengänge einen Notendurchschnitt von Einskomma braucht und das offenbar als Kriterium nicht mehr ausreicht, setzen die Unis Freiburg und Konstanz nach einer Meldung der FAZ auf eine IQ-Prüfung nach Kriterien des „Mensa“-(Hochbegabten)Vereins. Die „Auslese“ der begabtesten Studenten (für sowas war ja eigentlich der unsägliche „Bachelor“ gedacht, von denen dann nur ein kleiner Teil zum „Master“ zugelassen wird) erfolgt nun wieder nicht mehr im Studium, sondern wird schlicht vorverlagert ohne Berücksichtigung der Eignung der jeweiligen Kandidaten für den gewählten Studiengang. Schon klasse, auch ein „intelligenter“ Schimpanse hat jetzt wieder Chancen. Abgesehen vom Sinn oder Unsinn von Ausleseverfahren an deutschen Hochschulen bleibt festzuhalten:

„(..Grundgedanken der Hochschulautonomie). Aber im selben Moment, in dem sie ihm zu entsprechen versuchen, delegieren beide Universitäten die Entscheidung darüber, was Begabung ist, auch schon wieder weg: an ein abstraktes und desozialisiertes Testverfahren, dessen Anforderungen nichts mit denen der Universität zu tun haben. Alle ausgelagerten Hochbegabtenfindungsvarianten, die einen allgemeinen Intelligenztest als Kriterium akzeptieren, tragen insofern der Bildungsaufgabe von Hochschulen keinerlei Rechnung.“ FAZ)

Die „Top-Studenten“ werden anschließend in ein verschultes Studium gezwängt mit „Modulen“ und dem Sammeln von „Credit-Points“, die Praxis ist dann dank McKinsey und anderen externen Beratern alles andere als „exzellent“.

Und da man die Hochschulen im Reformwahn ständig mit der Fraunhofer-Gesellschaft verwechselt (die im Gegensatz zu den Hochschulen keinen Bildungsauftrag hat), passen sich auch die Kriterien für die Berufung von Hochschullehrern diesem Weltbild an. Nicht mehr derjenige hat gute Chancen auf eine Berufung, der in Forschung und Lehre Qualitäten vorweisen kann, sondern der am Besten in seinem Fach Vernetzte, der auch viele Drittmittel (aus welcher Quelle auch immer) einbringen kann. Der kann folglich auch in der Lehre die letzte Pfeife sein und wissenschaftlich eher Durchschnitt, wenn er nur genügend Drittmittel mitbringt. Wie schön, daß man sein Studium längst hinter sich hat und diesen ganzen Quatsch nicht mehr (zwangsweise) mitmachen muß.