Bologna-Prozess die 23ste

Mittwoch, 14. Januar 2009

Einige gute Aspekte kann man der „Finanzkrise“ abgewinnen. Während das neoliberale Gesums gerade in den Orkus der Geschichte befördert wird, dürfte als nächstes eine Reform der Hochschulreform auf dem Plan stehen. Redete man sich noch gestern vor lauter Exzellenz-Geschwafel selbst besoffen, hat man ganz vergessen, daß es neben lauter Elite-Sonderbereichen oder besser solchen, die sich dafür halten, auch noch so etwas wie Lehre an den Universitäten gibt.

Man hat im Rahmen des Bologna-Prozesses (im Blog siehe hier und hier) die Universitäten in bessere Lernfabriken verwandelt mit einem riesigen bürokratischen Overhead. Als Abschluß für die Masse sollte es den „Bachelor“ geben, der nach sechs Semestern erhältlich ist, aber für so gut wie nichts qualifiziert – und zukünftig für ein halbakademisches Proletariat sorgen wird. Wie es in der Praxis an den Hochschulen aussieht, beschreibt Prof. Marius Reiser, dessen Demissionsschreiben an das rheinland-pfälzischen Wissenschaftsministerium die FAZ abdruckt.

„An keiner einzigen Stelle (Anm.: des Bologna-readers der Hochschulrektorenkonferenz) geht es um den Geist, der nach Bildung verlangt. Nirgends ist davon die Rede, dass Wissen und Erkenntnis und Klugkeit Werte sind, die man um ihrer selbst willen erstrebt und liebt. Das ist den Initiatoren des neuen Systems wahrscheinlich noch nie in den Sinn gekommen. Das ganze Buch durchweht der Geist eines tristen Materialismus und Utilitarismus. Studium ist Berufsausbildung, gelernt wird für einen bestimmten Zweck, Wissen muss sich auszahlen, alles andere ist schöngeistiger Humbug: Das ist die Philosophie, wir könnten auch sagen: die Dogmatik, die jetzt die Universitäten reguliert.“ (ebd.)

So kann man gespannt darauf warten, wann jemand die Reißleine zieht, bevor ihnen das ganze System um die Ohren fliegt. Wahrscheinlich schon sehr bald.

[Update] Und Berliner Zeitung vom 20.1.2009 zu Reiser.

Artikel vom Mittwoch, 14. Januar 2009, 15:59 Uhr in der Kategorie Fundbüro. Sie können Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Wenn Sie möchten, können Sie einen Kommentar hinterlassen oder einen Trackback von Ihrem Weblog senden.

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