Bologna-Prozeß in der Schweiz

Mittwoch, 28. März 2007

Die Neue Zürcher setzt ihre Artikelserie zum Bologna-Prozeß an den europäischen Hochschulen fort (den Artikel vom Dezember 2006 über die deutschen Hochschulen hatte ich ich hier zitiert, Original ist nicht mehr online). Demnach hat man in der Schweiz ähnliche Probleme. Während die Politik noch die übliche Propaganda abspult, sieht man auf Hochschulseite die Entwicklung eher gegenteilig. Besonders betroffen von der Verschulung der Studiengänge sind auch hier die geistes- bzw. sozialwissenschaftlichen Studiengänge.

Mit massiven Problemen sehen sich vor allem geisteswissenschaftliche Fakultäten und Institute konfrontiert, deren Curricula den Studierenden wie den Dozierenden einst grosse Freiheiten geboten hatten. Hier überwiegt offenbar der Eindruck, dass die Reform zurzeit vor allem Schlechtes bringe: Professoren schimpfen über die Standardisierung der Lehre durch immer neue Kommissionen, Assistentinnen verwünschen die Berge zu korrigierender Arbeiten, erwerbstätige Studierende beschweren sich über die Verschulung und den übermässigen Zeitaufwand für Leistungsnachweise.

Ausgelastet ist insbesondere der Mittelbau durch erhöhten Betreuungsaufwand in den „Bachelor“-Studiengängen, bedingt durch den hohen formalen Aufwand für zusätzliche Prüfungen, Klausuren, Nachweise usw., während sich die „Etablierten“ dem Publizieren und Forschen widmen. ;-) Von der Einheit von Forschung und Lehre und der Teilnahme der Studierenden daran kann auch keine Rede mehr sein:

„Bologna“ besiegelt in ihren Augen den Untergang des traditionellen humboldtschen Universitätsmodells, dessen Vorzüge unbestreitbar sind. Das Kombinieren von Ausbildungsmodulen und die Jagd nach Kreditpunkten, zu der die Studierenden heute angehalten werden, haben nicht mehr viel gemein mit dem Ideal des „Studium generale“. (..) „Bologna“ droht die zwei tragenden Säulen des humboldtschen Modells zu beseitigen, die Einheit von Lehre und Forschung sowie das «freie Studium», das Zeit für Umwege und Irrtümer liess. Kurzum: „Bologna“ ersetzt Bildung durch Ausbildung.

Demgegenüber steht das Zitat des Generalsekretärs der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften, der das alles nicht ganz so eng sieht: „Das humboldtsche Modell sei spätestens mit der Massenuniversität Ende
des 20. Jahrhunderts zur Illusion geworden. Der Bachelor-Lehrgang komme
offenbar den Bedürfnissen heutiger Studierender nach Leitplanken und
Zwischenprüfungen entgegen.“ Dazu fällt mir dann auch nicht mehr viel ein außer der Frage, ob man die heutige Studierendengeneration für etwas dämlich halten sollte oder ob sie sich bei solchen Sprüchen nicht doch etwas veralbert vorkommt („Kann ich das auch verwerten? Was bringt das? Wieviel verdient man danach?“ Achjott…), und zu was ein „Bachelor“, der im sozialwissenschaftlichen Bereich  mit einem früheren besseren Grundstudium vergleichbar ist, qualifizieren soll, hat sich mir ebenfalls noch nicht so ganz erschlossen.

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Artikel vom Mittwoch, 28. März 2007, 13:28 Uhr in der Kategorie Fundbüro. Sie können Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Wenn Sie möchten, können Sie einen Kommentar hinterlassen oder einen Trackback von Ihrem Weblog senden.

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