Bologna-Prozess

Mittwoch, 27. Dezember 2006

Hielt man die Veranstaltung mit dem tuntigen Titel Exzellenz-Initiative schon als den Höhepunkt verpeilter Hochschulpolitik, stellen die Auswirkungen der Umsetzung der sog. „Bologna-Erklärung“ alles bisher Dagewesene im Hochschulbereich in den Schatten.

Im Prinzip sollte durch den Bologna-Prozeß eine Vereinheitlichung europäischer Studiengänge stattfinden, Abschlüsse würden dadurch vergleichbarer, ein Studienortwechsel würde einfacher usw. Bachelor (nach 2-3 Jahren) und Master (nach 3-4 Jahren) wären die üblichen Studienabschlüsse.

Was man speziell in Deutschland daraus macht, beschreibt heute Joachim Güntner in der Neuen Zürcher Zeitung vom 27.12.2006 (einen weiteren lesenswerten Artikel hat die taz vom 12.8.2006: So wird Sachzwang gebaut). Der qualifizierende wissenschaftliche Abschluß soll die Ausnahme bleiben (in Deutschland), der zu nichts qualifizierende „Bachelor“ soll der Regelabschluß werden. Das Studium wird insgesamt komplett verschult und setzt sich aus „Modulen“ zusammen, in denen man „Credits“ sammelt.

„Wer sein eigener Bankier wird und Credit-Points verwaltet, ist nicht an Inhalten interessiert“, sagt ein Hannoverscher Literaturwissenschafter, der ungenannt bleiben möchte. Er befürchtet eine „radikale Umwandlung des Studierverhaltens“.

Das selbständige Arbeiten lernt man dabei nicht, geschweige denn das eigene Treiben oder gar das Fach, das man da studiert, zu reflektieren. Produziert wird halbakademisches Proletariat, mit dem selbst „die Industrie“ nichts anfangen kann. Exzellent…

„Geisteswissenschafter, die ihre Berufsbezeichnung noch beim vollen Nennwert nehmen, stöhnen über den Einzug von Power-Point-Präsentationen. Anschaulichkeit zähle mehr als Logik, Eindeutigkeit mehr als Komplexität, und beobachten lasse sich, wie der „Glaube ans Lehrbuch und an frontales Vermitteln“ die Köpfe kolonisiere.“

Die Hochschulen selbst sind wiederum abhängig von obskuren „Akkreditierungsagenturen von halb privatwirtschaftlichem Charakter“:

Von den fachfremden Kräften hängen wir in einem Masse ab wie nie vorher. Und es gibt keine Kontrolle dieser Leute, keine Berufungsinstanz gegen ihre Voten.“ (..) „Über die „Heranbildung einer I-Klasse, eines Inspektorats, einer Nomenklatura aus Akkrediteuren, Planern, Bildungsberatern und Räten, mit der verglichen die Aufsicht der Ministerien bald wie der freundliche Kontaktbeamte aus dem Uni-Viertel anmuten wird“, schimpft der Hamburger Kunsthistoriker Wolfgang Kemp, einer der brillantesten Polemiker gegen „Bologna“.“

Zudem betreiben die Hochschulen einen immensen bürokratischen Mehraufwand, der mit den üblichen dummdeutschen Consulting-Sprechblasen überkleistert wird. Wie immer ist alles alternativlos, wie gehabt. Links s.o., zur Lektüre empfohlen.

Tags: | Drucken Drucken
Artikel vom Mittwoch, 27. Dezember 2006, 14:31 Uhr in der Kategorie Fundbüro. Sie können Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Wenn Sie möchten, können Sie einen Kommentar hinterlassen oder einen Trackback von Ihrem Weblog senden.

«  –  »

Keine Kommentare »

No comments yet.

Leave a comment